Gestalter

Tobias Rehberger

Tobias Rehberger oder Freunde müssen nicht immer zueinander passenWährend das Raumkonzept zur Premiere von The Design Annual - inside: urban das Thema der Veranstaltung gleichsam direkt in Architektur umsetzte, wurde 2007 für 'private identity' ein offenes Raster geschaffen, das Aussteller, Sonderausstellungen und Reflexion in einem Kontinuum miteinander verband. Mit The Design Annual - inside: showtime ist für 2008 nun ein eher expressives Thema gewählt worden, das jede Menge Facetten hat und zahlreiche Widersprüche in sich trägt. Eben dafür gilt es, eine formale Entsprechung zu finden. Es ist die Kunst, die auf einer „höheren Ebene" freundschaftlich die große Show der Dinge spiegelt und kommentiert. Für die Ausstellungsarchitektur von inside: showtime konnte Tobias Rehberger gewonnen werden, der - gemeinsam mit seinem Kollegen Claus Richter - auf dem ersten Rang der Festhalle ein vielgestaltiges und multifunktionales Environment entwickeln wird. Hier wird Spannung aufgebaut, hier finden Sensationen statt, hier ereignet sich Unvorhersehbares. Es gibt weltweit sehr wenige Künstler, die sich überhaupt in die Zone zwischen Kunst und Design vorwagen. Was unter anderem daran liegen mag, dass Design, betrachtet man es vom Standpunkt der Kunst, ein durchaus gefährliches Terrain darstellt. So gilt im Kunstbetrieb noch immer: Wer sich ins Design begibt, der kommt darin um. Hier regiert angeblich der Kommerz, hier dominiert die Dekoration, und die Produktionsbedingungen und -methoden in Kunst und Design sind ohnehin grundverschieden. Tobias Rehberger setzt sich dem Wagnis aus. Zweierlei spielt in seiner Arbeit eine Rolle. Er bezieht häufig Menschen und deren Sichtweisen in seine Arbeit ein, wodurch Idee, Bedingungen, Ausführung und Ergebnis zu einem Wechselspiel zwischen dem Künstler und seinem Publikum werden. Eine Seite gibt den Anstoß - die andere setzt es fort. Damit etwas entsteht, das nicht vorhersehbar ist, geht Rehberger bewusst Risiken ein, ja er rechnet sogar mit ihnen. Umso erstaunlicher ist es, mit welch augenzwinkernder Selbstverständlichkeit Rehberger künstlerisch auf Möbelklassiker und Rauminszenierung, auf Funktionalität und Oberflächenwirkung reagiert. Ob er aus farbigem Glas und Aluminium ein Baumhaus baut oder Lampen in Hallen wie Menschenmengen paradieren lässt, ob er Dinge wie eine Gruppe von Freunden zusammenstellt oder mittels farbiger Tische, Sitzelementen und Leuchtkörpern einen eigenwilligen Showroom schafft - immer sieht es aus, als handle es sich um Design. Was Rehberger auch anpackt, es hat den entsprechenden Touch. Es sieht nach etwas aus, was es am Ende aber gar nicht ist. Rehberger ist ein Virtuose des Als-ob, einer, der mit den Dingen zaubert, die er plötzlich zu drehen weiß, auf dass sich ihre Bedeutung verändere. Also zeichnet er aus der Erinnerung Designklassiker des 20. Jahrhunderts, die er dann von Handwerkern in Kamerun fertigen lässt, womit er den Abstand zwischen Entwurf und Realisierung auslotet. Oder er lässt von Freundinnen ein Bett ganz speziell für sich entwerfen, und baut aus den groben Skizzen dann tatsächlich verschiedene, ihn porträtierende Betten. Und zum einjährigen Jubiläum seiner Berliner Galerie macht er eine Vase für jeden seiner Kollegen, der bis dahin dort ausgestellt hat; und jeder schickt für seine Vase einen anderen Blumenstrauß. Rehberger arbeitet mit Kopie und Rekonstruktion, er leiht sich Konzepte aus und delegiert deren Ausführung, er übersetzt aus einem Medium ins andere, wechselt die Dimensionen und reflektiert die Möglichkeiten des Produzierens. Er stellt Betrachtungen an zu Architektur und Design, die aussehen, als seien sie nichts weiter als Architektur und Design. Er recycelt das Design der sechziger und siebziger Jahre und löst dabei den Formalismus der Moderne auf pfiffige Weise kommunikativ auf und verpasst ihm einen überraschenden Gebrauchswert. Er spielt mit Vorstellungen und mit Möbeln, mit Wünschen und Modellen und unterläuft spielerisch den Hang des Künstlers zu Originalität und heroischem Schöpfertum. So vielfältig seine Interventionen und Drehungen sind, Rehberger hat eine Affinität zu Installationen und ein besonderes Gespür für den Raum und seine Qualitäten - skulptural ebenso wie architektonisch. Ihn interessieren die Spannungen, mitunter auch die Widersprüche, die zwischen innen und außen entstehen, was er 2007 mit seiner Installation „On Otto" für die Fondazione Prada überzeugend unter Beweis gestellt hat.Ist in Rehbergers Welt alles eine Frage des Designs, so beherrscht er doch ein Verfahren, dessen Anwendung nicht nur Mut, sondern auch unerschütterliches Selbstvertrauen erfordert: das des Nachempfindens. Denn wer nachempfindet, der steuert haarscharf an der Sache vorbei ins Offene. Also lässt er - mit großem Talent fürs Inszenieren - das Dekorative wie einen Leuchtkörper erstrahlen. All is pretty - frisch, bunt, verträumt. Aber immer auch etwas unheimlich. Wie auf der Bühne oder in der Geisterbahn. Showtime ein Gesicht geben - das kann Tobias Rehberger.........................................................................................................................................................................

Claus Richter

Claus Richter: Dreams are my reality Claus Richter spielt mit den Schranken zwischen den Welten. Seine Arbeiten sind Ausflüge ins Abenteuerland, bei denen die Kräfte und Grenzen menschlicher Imagination ausgelotet werden. Er nennt sich selbst Sherlock, vielleicht, weil er die Welt detektivisch unter die Lupe nimmt und dabei auf die überraschendsten Dinge stößt. Er hat ein Faible für Science-Fiction und Themen-Parks. Insbesondere letzteren gilt seine spezielle Vorliebe. Der Grund dafür ist schnell klar, denn er ist typisch für die Kunst Richters: Hier wird ganz bewusst die Realität ausgeblendet und die Show beginnt. Es ist das gespannte Warten auf den Moment, in dem die Illusion einsetzt, die die Wirklichkeit ablöst und den Träumen Raum gibt. Dabei schlüpft Claus Richter immer wieder in andere Rollen. In seinem Video "Fantasy" durchschreitet er als Zauberer eine magische Tür, die ihn hinaus in die triste Realität versetzt, auf direktem Weg zu zwei gelangweilten Skateboardfahrern. Er entführt sie in eine Welt der Phantasie und Illusion. Beide treten durch das Zaubertor und werden plötzlich zu Märchenfiguren. Richter selbst tritt als Conferencier mit glitzernden Hasenohren und einem Spazierstock mit Silberknauf in Erscheinung, singend versteht sich, und bringt die jungen Leute wieder zurück an ihren Ursprungsort. Aber beide sind verändert, beseelt von der Kraft der Phantasie. Richters Arbeiten strotzen vor Übermut und Witz, mitunter thematisiert er aber auch die Rückseite des Spektakels. Für die Fine Art Fair in Frankfurt baute Richter 2007 die Kulisse einer Kleinstadt auf, der Blick hinter das Bühnenbild blieb dabei sichtbar. Während vor der Häuserfassade zwei Personen, die an englische Cricket-Spieler aus den zwanziger Jahren erinnern, tanzen und steppen, steht Richter selbst hinter der Fassade und setzt zum Kopfschuss an. Die Show hat eben zwei Seiten.Richter erkundet die Welt wie ein neugieriges Kind, das sich für tausend Dinge zugleich begeistern kann: Ob tanzende Stoffmäuse, verrückte Fernsehauftritte von Pee Wee Herman, Ufos oder Piratenfestivals - ob real oder nicht, er lässt die Dinge Teil seiner Wirklichkeit werden. Und schöpft aus ihnen die Inspiration für seine Installationen, Videos oder Performances: Claus im Wunderland - bis an die Grenzen.